„Ich geh da nicht hin, ich kenne da eh keinen.“ Jedes Jahr im Oktober sagt mir das mindestens einer. Es geht fast immer um dieselbe Einladung: Halloween-Party bei einem Kumpel, dessen Freundeskreis du zur Hälfte noch nie gesehen hast. Ans Flirten denkt dabei noch keiner.
Dabei ist das der leichteste Abend des Jahres, wenn du auf einer Halloween Party flirten willst, ohne dich dabei wie ein Aufreißer zu fühlen. Mit den Getränken hat das wenig zu tun. Jeder Mensch im Raum hat freiwillig etwas an, das nach einem Kommentar verlangt.
Wer als Vampir kommt, hat sich bewusst für Vampir entschieden. Wer eine Stunde vorm Spiegel mit Kunstblut verbracht hat, will, dass das jemand sieht. Mehr Einladung zum Gespräch bekommst du das ganze Jahr über nicht.
Warum du auf Partys sonst am Rand stehst
Das Problem auf normalen Partys ist selten die Angst. Es ist der fehlende Anlass. Du siehst jemanden, du findest sie interessant, und dann steht da diese Wand: Was soll ich denn bitte sagen? „Hi, wie heißt du“ fühlt sich an wie ein Formular. Also bleibst du bei den zwei Leuten stehen, die du kennst, und redest über den Job.
Letzten Herbst saß ein Mann bei mir im Coaching, Mitte zwanzig, im Kollegenkreis absolut umgänglich. Er hatte jede Einladung abgesagt, seit er Anfang des Jahres in die Stadt gezogen war. Nicht aus Panik. Aus schlichter Ratlosigkeit darüber, wie ein Gespräch anfangen soll, wenn es keinen Grund dafür gibt.
Diesen Grund liefert dir Halloween frei Haus. Und das gilt für jede Feier mit einem gemeinsamen Anlass, ob Flirten in Feierlaune auf dem Festival im Sommer oder eine Kostümparty im Herbst.
Halloween Party flirten heißt: Das Kostüm nimmt dir die schwerste Aufgabe ab
Beim Ansprechen bestehen die ersten Sekunden aus einer einzigen Frage, die dein Gegenüber im Kopf hat: Warum redet der mich an? Auf einer Kostümparty ist diese Frage beantwortet, bevor du den Mund aufmachst. Du redest sie an, weil sie als Krankenschwester aus einem Horrorfilm dasteht und weil das offensichtlich Arbeit war.
Das Kostüm ist ein öffentliches Angebot. Jemand hat sich entschieden, heute Abend anders auszusehen als sonst, und rechnet damit, darauf angesprochen zu werden. Deshalb funktioniert es ohne Trick: Du reagierst auf etwas, das sie freiwillig zeigt.
Derselbe Mechanismus greift zu Karneval, wenn am 11.11. die Session startet und plötzlich die halbe Innenstadt verkleidet unterwegs ist. Wenn du im Oktober übst, hast du im November schon Routine.
Beobachten statt fragen, auch im Kostüm
Der häufigste Fehler ist die Frage. „Als was bist du denn verkleidet?“ klingt harmlos, ist aber eine Prüfung. Sie muss antworten, du bewertest, und dann herrscht Stille. Vor allem, wenn das Kostüm eindeutig ist und die Frage signalisiert: Ich habe es nicht erkannt.
Besser ist die Beobachtung. Du sagst, was dir auffällt, und lässt ihr die Wahl, ob sie einsteigt. „Die Handschuhe passen zu gut, die sind nicht aus dem Kostümladen.“ Das ist eine Feststellung, keine Aufforderung. Sie kann lachen, korrigieren, erklären. Alles davon ist ein Gespräch.
Das ist dieselbe Technik, mit der du auch außerhalb des 31. Oktober weiterkommst: beobachten statt fragen, dann mit einer Zugabe antworten. An Halloween ist sie nur leichter, weil das Beobachtbare so laut ist.
Drei Einstiege, die keine Anmache sind
1. Das Detail, nicht das Kostüm. Lass „cooles Kostüm“ weg und nimm den einen Teil, der auffällt: die selbst genähte Naht, die Farbe der Kontaktlinsen, der abgewetzte Koffer, der zur Figur gehört. Details zeigen, dass du hingesehen hast statt gescannt.
2. Der Ratefehler mit Ansage. „Ich rate jetzt, und ich liege bestimmt daneben: Wednesday?“ Wenn du danebenliegst, hast du recht behalten und alle lachen. Wenn du triffst, hast du getroffen. Das funktioniert, weil du dich bereit erklärst, falsch zu liegen.
3. Die gemeinsame Lage. Zwei Leute in verwandten Kostümen, ein Getränketisch, eine Warteschlange vor der Toilette. „Wir sind offenbar beide im falschen Jahrhundert gelandet.“ Kurzer Satz, kein Anspruch auf mehr, und trotzdem eine offene Tür.
Was alle drei gemeinsam haben: Du bewertest nicht ihren Körper, du bewertest ihre Entscheidung. Das ist der Unterschied zwischen einem Gesprächseinstieg und dem, was Frauen auf Partys ständig hören.
Die Maske ist kein Freibrief: Alkohol, Gruppen, ein Nein
Kostüm und Dunkelheit senken die Hemmung. Bei dir und bei allen anderen. Das ist der angenehme Teil und gleichzeitig die Stelle, an der Abende kippen.
- Alkohol: Zwei Bier machen dich lockerer, vier machen dich lauter, nicht mutiger. Wenn du am nächsten Tag überlegen musst, was du gesagt hast, war es zu viel.
- Gruppen: Frauen sind auf Partys selten allein unterwegs. Rede mit der ganzen Gruppe, nicht nur mit ihr. Wer die Freundinnen ignoriert, wird abgeschirmt, und zwar zu Recht.
- Ein Nein: Abgewandte Schultern, kurze Antworten, ein Blick zur Freundin. Das ist kein Widerstand, den du überwinden sollst. Das ist eine Antwort. Freundlich beenden, weitergehen, fertig.
Die Verkleidung ändert nichts an dem, was gilt: Sie entscheidet, ob das Gespräch weitergeht. Du entscheidest nur, ob du es anfängst.
Was du machst, wenn das Gespräch nach zwei Sätzen endet
Es wird passieren. Du sagst etwas über die Handschuhe, sie sagt „danke“, dreht sich weg. In dem Moment fühlt sich das an wie ein Urteil über deine gesamte Person.
Ist es nicht. Sie ist im Gespräch mit ihrer besten Freundin, sie sucht ihre Jacke, sie hat schlicht keine Lust. Nichts davon hat mit dir zu tun. Der einzige Fehler, den du jetzt machen kannst, ist nachlegen: eine Frage hinterherschieben oder den Witz erklären.
Kurz nicken, „viel Spaß noch“, weggehen. Diese drei Sekunden entscheiden darüber, wie du bei allen wirkst, die zugesehen haben. Und es sehen immer welche zu.
Die Übung für den Abend: drei Kostüm-Gespräche, kein Nummern-Ziel
Deine Aufgabe für diese eine Party: Sprich drei Menschen auf ihr Kostüm an. Nicht drei Frauen, die dir gefallen. Drei Menschen. Der Typ als Ghostbuster zählt, die Kollegin deines Kumpels zählt, die Frau, die dir gefällt, zählt auch.
Kein Ziel dahinter. Keine Nummer, und hinterher keine Bewertung des Abends. Du machst drei Kostüm-Gespräche und gehst nach Hause. Wenn eines davon eine Stunde dauert, umso besser, aber das war nicht die Aufgabe.
Der Sinn ist simpel: Du beweist dir an einem Abend mit maximal einfachen Bedingungen, dass Fremde ansprechen kein Drama ist. Diese Erfahrung nimmst du mit, wenn niemand mehr verkleidet ist.
Häufige Fragen
Was, wenn ich mich selbst nicht verkleiden will?
Dann geh ohne Kostüm hin, aber beschwer dich nicht über den Nachteil. Wer als Einziger in Jeans dasteht, wirkt wie jemand, der sich zu fein dafür ist, und genau das erschwert jedes Gespräch. Es muss keine aufwendige Verkleidung sein: ein weißes Hemd mit Kunstblut, geschminkte Augenringe, ein Hut reichen völlig. Du brauchst kein gutes Kostüm, du brauchst ein Kostüm.
Ich kenne auf der Party fast niemanden. Wie fange ich überhaupt an?
Fang bei den Leuten an, die dir egal sind. Rede die ersten zwanzig Minuten nur mit Männern und mit Frauen, bei denen für dich nichts auf dem Spiel steht. Damit kommst du in einen Zustand, in dem Reden normal ist statt eine Aktion. Wenn du erst nach zwei Stunden Schweigen das erste Wort sagst, wird es das schwerste des Abends.
Ist Flirten auf einer Kostümparty nicht sowieso unecht?
Die Verkleidung ist unecht, das Gespräch nicht. Ein Kostüm senkt die Schwelle, aber es redet nicht für dich. Was du sagst, wie du zuhörst und ob du ein Nein akzeptierst, bleibt vollständig deins. Viele Paare, die ich kenne, haben genau so angefangen: ein blöder Kommentar zu einer Perücke und dann zwei Stunden Gespräch.
Der ehrliche Schluss
Ein Kostüm nimmt dir eine einzige Sache ab, und zwar die schwerste: den Anlass. Alles andere, das Hinsehen, das Aushalten einer Absage, das Weitergehen, bleibt deine Arbeit. Deshalb ist Halloween ein guter Trainingsabend und keine Lösung. Am 2. November steht wieder jemand im Supermarkt vor dir, ohne Umhang und ohne mitgelieferten Grund.
Wenn du merkst, dass genau das dein Punkt ist, dass du im Kostüm redest und im Alltag schweigst, dann arbeiten wir daran am besten in echten Situationen statt in Rollenspielen. Das machen wir im Wochenendseminar, draußen, bei Tageslicht, mit Menschen, die nicht verkleidet sind. Wenn du vorher in Ruhe sehen willst, wie wir arbeiten, fang mit dem kostenlosen Crashkurs an.

